Entdeckung
Dem Neuseeländer Edmund Hillary und dem Scherpa Tensing Norgay gelingt die Erstbesteigung des Mount Everest. Elizabeth II wird zur Königin von Großbritannien und England gekrönt. Solche Nachrichten bewegten 1953 die Welt. Dagegen blieb - außer in Expertenkreisen - nahezu unbeachtet, dass der Bayer-Chemiker Dr. Hermann Schnell eine neue Kunststoffklasse erfunden hatte – obwohl dieses Ereignis unseren Alltag bis heute sicher vergleichsweise stärker beeinflusst hat.
Hermann Schnell gelang die Synthese von Makrolon® im Wissenschaftlichen Hauptlaboratorium des Werkes Uerdingen gleichsam im ersten Anlauf: Er war erst zwei Monate zuvor von der Bayer-Zentrale in Leverkusen gekommen und hatte sich deshalb ein neues Arbeitsgebiet gesucht. Als Erstes las er alle Laborberichte der vergangenen Jahre und die Beschreibung der Produktionsverfahren im Werk. Dabei stieß er auf eine chemische Reaktion, bei der er sofort erkannte, dass er nur eine der beteiligten Substanzen austauschen musste, um einen Kunststoff herzustellen. Später war der Bayer-Chemiker überzeugt, seinen raschen Erfolg unter anderem der Fähigkeit zu verdanken, “verschiedene Dinge zu kombinieren, Verknüpfungen zu schaffen, verschiedene Informationen in eine sinnvolle Ordnung zu bringen.”
Selbst die Mitarbeiter im Uerdinger Werk glaubten zunächst nicht daran, dass Schnell mit seinen Experimenten Erfolg haben könnte. Sie dachten wie Generationen von Chemikern vor ihnen: Carbonate – zu dieser Substanzklasse gehört Makrolon® – sind temperaturempfindlich und zersetzen sich leicht. “Dieses Vorurteil hat mir bei der Entwicklung der Polycarbonate noch viele Schwierigkeiten bereitet”, gab Schnell einmal zu Protokoll. Mit welcher Zielstrebigkeit und Ausdauer er daran ging, solche Hindernisse beiseite zu räumen, spiegelt folgende Aussage wider: “Es ist nicht genug, dass man etwas erfindet. Man muss es auch merken, dass man etwas erfunden hat. Und man muss die Erfindung auch durchsetzen, gegebenenfalls durch alle weiteren Instanzen boxen.” Bayer ließ sich Makrolon® noch im Entdeckungsjahr patentieren.